Winter auf Eiderstedt


Schleswig-Holstein / Sankt Peter-Ording

Historischer Hafen, Tönning

Text und Fotos: Stephan Käufer

Begleitet vom Heulen des Windes laufen die Wellen der aus Südwest anrollenden See auf dem Strand aus. Vom „Blanken Hans“, sprechen die Einheimischen ehrfurchtsvoll. Natur rau und ungebändigt. Tim und Struppi stört dies nicht. Kein Strandtuch, kein sonnenbadender Mensch, und auch kein mit dem Ball spielendes Kind stören sie jetzt hier bei ihrem Rennen oder hemmen ihr Toben. Der eine, ein Border Colli, der andere wohl eher so etwas wie eine Promenadenmischung, an der garantiert auch ein Cockerspaniel beteiligt war. Wie wilde Furien immer halb im Wellensaum springend, halb im Sand wühlend, tollen die Hunde über die weite Fläche. Die beiden haben unbändigen Spaß. Um die Pfahlbauten herum dröhnt aus kreischenden Lautsprechern keine fetzige Musik und die Kitebuggys, die sonst den Strand als Piste nutzen, hängen irgendwo in einer fernen Stadt, sicher verzurrt unter der Decke einer Garage, oder verbringen den Winter in irgendeinem Keller, zwischen Rasenmäher, Surfbrett, und Sommerreifen.
Der Strand von Sankt Peter Ording auf der Halbinsel Eiderstedt an der Westküste Schleswig Holsteins etwa 90 Autominuten nördlich von Hamburg hält, Winterschlaf.

Sankt-Peter-Ording, Seebrücke

Rote Nasen von der Kälte haben die entgegenkommenden Strandwanderer. Die Nasen sind so ziemlich das Einzige, was neben den Augen Platz hat, aus der das Gesicht eng umschließenden Kapuze und dem, den Mund vollständig überdeckenden Schal hervorzuschauen. Warm eingepackt mit dicken Wanderstiefeln besohlt, trotzen sie dem Wind der die würzige, salzige Luft direkt in ihre Lungen drückt und diese reinigt.
Nur kurz tollen Tim und Struppi um die Beine der Beiden, von diesen unbeachtet, und geben sich dann wieder ihrem Laufen hin. Unterdessen erreichen die Wanderer die Seebrücke. Etwas später sitzen sie in einem Cafe, wärmen langsam wieder auf und genießen einen heißen Kakao, einen Pharisäer oder einfach nur eine Tasse Kaffee.

Leuchtturm Westerhever, Eiderstedt

Ein paar Kilometer nördlich von St. Peter Ording umfliegen im Formationsflug ein paar Enten den Leuchtturm von Westerhever, setzen zur Landung an. Der Wind fährt durch das Gras der Salzwiesen, drückt die Halme nieder. Im Schlamm der Priele krabbeln ein paar Krebse. Noch sind die Priele nicht zugefroren. Wenn der Frost kommt, verschwinden die Krebse auf den Grund der Priele und die Grashalme der Wiesen überziehen sich mit weißen Kristallen. Natur im Ruhezustand, Winterschlaf. Hinter dem Deich, geschützt vor dem Wind von einem wollenen Winterpullover, blöken ein paar Schafe in den Tag. Auch sie werden im warmen Stall stehen wenn der Frost kommt. Die Welt hier ist anders als die am Strand, eine komplett andere Vegetation, ein anderer Lebensraum, Marschenland. Ein ewig weiter Himmel, ein endlos erscheinender Horizont, liebenswürdige Menschen und eine Ruhe, die Kraft und Gelassenheit tanken lässt. Auch das macht Eiderstedt aus.

„Urlaub ist, wo ich zufrieden bin“, meint Erhard Schiel. Der Künstler hat sein Atelier in St.Peter – Ording und lässt sich gerne mit einem guten Gespräch von der Arbeit ablenken. Bei seinen regelmäßigen Vorführungen erklärt er Einheimischen und Urlaubsgästen, wie Radierungen und Kupferstiche entstehen, während draußen der Wind um die Häuser streicht. Gerd Fröbe und die Gräfin von Bernardotte zählte er zu seinen Freunden. Die Motive seiner Bilder spannen einen Bogen von der nordischen Mythologie bis hin zur chromglänzenden Coca Cola Welt. „Ich mache genau dass, wozu ich gerade Lust habe“, ist eine seiner Philosophien.

Sonnenuntergang an der Westküste

Ende Februar, so um den 21., brennen die Biikefeuer an der gesamten Nordfriesischen Küste. Das Biikebrennen geht auf heidnische Bräuche zurück. Die alten Friesen wollten auf diese Art ihrem Gott Wotan klar machen, dass der Winter nun endlich ein Ende zu nehmen hat. Für viele Walfänger waren die Feuer ein Abschiedsgruss wenn sie nach langem Winter, zum Petritag, mit ihren Schiffen wieder auf Walfang ausfuhren. Heute ist das Biikebrennen ein althergebrachter Brauch. Abgerundet wird das Abbrennen der Holzstösse mit einem zünftigen Essen: Grünkohl mit Kasseler und Schweinebacke, kombiniert mit Teepunsch oder Grog, stehen auf der Speisekarte.

Ein paar Wochen später, dann, wenn die Winterreifen in die Garagen geräumt werden und die Sommerreifen auf den Autos aufgezogen sind, kommen die Kite Buggy`s und die Strandsegler zurück. Und spätestens wenn die ersten Strandtücher ausgerollt werden und Mütter ihre Kinder mit Sonnenöl eincremen, gehen Tim und Struppi ausschließlich angeleint hier am Strand spazieren. Garantiert träumen sie dabei aber von der Einsamkeit des Winters, und dem Toben dass ihnen dann so viel Spass macht.